Muss man als Chef ein Arschloch sein?

Anstoß für diesen Gedanken war eine Doku, die ich neulich zufällig auf YouTube entdeckt habe. Darin stellt sich Max Joseph, nachdem er bei seinem ersten großen Film Regie geführt hat (bei dem es sich übrigens um „We are your friends“ handelt; ziemlich gut und kreativ gefilmt und ließ mich Zac Efron als Schauspieler in einem ganz neuen Licht sehen) die Frage, ob man ein Arschloch sein muss, um ein erfolgreicher Regisseur zu sein.

Mal davon abgesehen, dass diese kurze Doku wirklich sehenswert und sehr liebevoll gemacht ist (und natürlich meiner Meinung nach einige sehr gute Botschaften enthält; sonst würde ich sie gleich gar nicht für erwähnenswert halten), hat sie mich auch dazu angeregt mal wieder über mein eigenes Verhalten als „Chef“ nachzudenken.

Bin ich oder bin ich nicht?

Natürlich leite ich keine hundertköpfige Filmcrew und bin als Selbstständige kein „Chef“ im herkömmlichen Sinne (immerhin führe ich keine Firma oder habe feste Angestellte), dennoch bin ich als Fotografin meistens diejenige, die das Team zusammen bringt und schon allein deswegen irgendwie die Chefrolle übernimmt. Auch, weil es meistens mein Konzept ist, dass umgesetzt wird und ich somit sowohl bei Planung als auch Nachbearbeitung die Zügel in der Hand halte.

Meiner Meinung nach gehört zu einem erfolgreichen Menschen auch die Fähigkeit, die richtigen Leute um sich zu scharren. Talent zu erkennen und zu sehen, wem man guten Gewissens Arbeit anvertrauen kann. Es ist also kein Wunder, dass mich einige Menschen schon seit Jahren oder gar von Anfang an begleiten.

Nur macht es die Sache manchmal nicht einfacher. Gerade und immer dann, wenn man die Leute schon jahrelang kennt und etwas droht schief zu gehen; man also eine Entscheidung treffen muss. Eine, die jemandem am Set nicht gefallen wird…

Ich habe mich also schon das ein oder andere Mal gefragt, ob es nicht doch ein Fehler ist zu einigen Menschen, mit dem ich arbeite, ein eher freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Ob es nicht besser wäre Distanz zu wahren und es so einfacher zu machen, knallhart zu reagieren, wenn es sein muss.

Aber ich komme nicht umhin: ich halte nicht sonderlich viel davon.

Ich bin gerne der Mensch am Set, den die Leute mögen. Der alle zusammen bringt. Mit dem sie auch in Zukunft wieder arbeiten wollen (was hab ich mich schon über die ein oder andere freudige Mail gefreut, die auf eine zögerliche Anfrage meinerseits zurückkam) und dem sie vertrauen.

Nur: ich habe auch keine Angst davor das Arschloch zu sein. Nicht gerade oft, dennoch muss es manchmal sein.

Muss ich oder nicht?

Nämlich immer dann, wenn meine Vision bedroht ist. Ich habe mich schon geweigert, fremde Stile zu kopieren. Habe Farbgebung verteidigt oder meine Art zu Fotografieren im Allgemeinen. Bin bei meinen Überzeugungen und meiner Vorstellung geblieben und habe klare Ansagen gemacht, wenn meine Kompromissfähigkeit erschöpft war. Oder war auch schon mal knallhart, als die Arbeit einer Visagistin derart schlecht war, dass die Fotos schlicht unbrauchbar waren und das Shooting wiederholt werden musste.

Das hat durchaus mal Staub aufgewirbelt, für Diskussionen oder gar Ärger gesorgt. Trotzdem scheint was ich in diesem Moment selbst als „Arschloch“-Art empfunden habe, nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Denn diejenigen, die dieser Clinch betraf, haben danach so gut wie alle wieder mit mir gearbeitet. Und wenn das mal nicht der Fall war – nun gut. Man muss auch akzeptieren, dass man es nicht allen recht machen kann bzw. nicht jedes Team dafür geschaffen ist immer wieder zusammen zu arbeiten. Manchmal harmoniert man (kreativ oder menschlich) schlicht weg nicht besonders miteinander und sollte es dann auch dabei belassen. Und zwar ohne großartige Schuldzuweisungen, Diskussionen oder gar Drohungen. Dabei ist es dann auch die Aufgabe des „Chefs“ – egal wie vorwurfsvoll das Gegenüber wird – möglichst ruhig und professionell zu verbleiben; was bei einem so emotionalen Thema wie Kreativität nicht immer einfach ist. (Das und Verträge; klingt spießig, ist aber so. Die sind nämlich mindestens genauso wichtig, gerade und vor allem, wenn die Situation mal eben nicht ideal verläuft – aber das ist ein anderes Thema)

Ich bin also der festen Überzeugung, dass man sich einerseits treu sein darf und sollte; also nichts schlechtes daran ist, wenn man auf die Menschen um einen herum eingeht. Dass man einerseits Zuhörer, aber trotzdem Anweiser sein kann. Also ganz allgemein betrachtet kein Arschloch ist.

Man muss sich im richtigen Moment aber auch trauen, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Sei es, um die eigene Vision zu verteidigen oder ein Projekt zu retten. Und davor sollte man, ganz besonders als Frau und selbst wenn dies noch immer gerne in die Schublade „zickiges Verhalten“ gesteckt wird, nicht zurück schrecken.

Über’s Wandern…

Wandern… Das klingt ein wenig nach langweiligen Schulausflügen. Nach schwitzen und einem Hobby für unseren Großeltern, die ihre Wochenenden gerne mal in der Natur verbringen.

Ich mache mit Sicherheit keine tagelangen Hüttentouren oder Alpenüberquerung und streiche jeden Trip, der einen Klettersteig enthält gleich von vornherein von der Liste. Dennoch gehe ich gerne Wandern. Vielleicht noch nicht die ganz langen Touren, aber immerhin ist eine deutliche Steigerung festzustellen.

Und obwohl auch ich anfällig für das ein oder andere Bild von Berggipfeln in Mitten eines Bergmassives irgendwo ganz weit oben bin (am besten noch mit ein paar Wolken und einer Bergspitze im Abendlicht; #instagrammademevisit und so – ihr wisst schon), stelle ich doch immer wieder fest, dass man manchmal gar nicht so hoch hinaus muss, um einen wirklich tollen Ausblick genießen zu können.

Beim Anblick dieser Bilder würde mir sicherlich niemand glauben, dass die meisten gerade mal eine Stunde von der nächsten geteerten Straße entfernt entstanden sind.
Gerade der Blick über die Schlucht und die Isar neulich hat mich wirklich überrascht. Die geteerte Straße verlassen und nach einem kurzen, nicht mal schlimm steilen, Aufstieg, standen wir nicht mal 20 Minuten später genau dort… mit einem Ausblick, der mich unweigerlich an die Yellowstone Falls am anderen Ende der Welt, erinnert hat.

Tja, manchmal muss man eben doch nicht um die halbe Welt reisen, um einen solchen Anblick genießen zu können. Manchmal reicht ein kurzer Ausflug in die Heimat.

Hinterriss; Karwendel; Österreich

Warum ich „Tote Mädchen lügen nicht“ nicht mochte

„Tote Mädchen lügen nicht“ oder im Original „13 reasons why“ ist momentan wahrscheinlich eine der meist gehyptesten Netflix-Serien überhaupt. Schon vor Jahren habe ich die Buchvorlage von Jay Asher zur Serie gelesen, die mich jedoch nicht richtig überzeugen konnte. Damals dachte ich aber, das läge vor allem daran, dass ich schon etwas zu alt wäre und somit nicht mehr zur Zielgruppe gehören würde.

Nachdem aber nun diese Serie wirklich in aller Munde war und ich so viel Gutes darüber hörte und laß, entschied ich mich dennoch dafür sie zu schauen. Und… war ebenfalls nicht wirklich überzeugt.

Eines vorweg: ich möchte nicht, dass ihr mich falsch versteht! Diese Serie spricht wichtige Themen an. Und tut es noch dazu auf eine einerseits sehr respektvolle, andererseits aber auch direkte und nichts beschönigende Weise; was ich bei dieser Thematik absolut wichtig finde. Dennoch habe ich ein paar Probleme damit.

Achtung: der folgende Text enthält (natürlich) Spoiler. Aber ohne könnte ich meine Schwierigkeiten mit der Geschichte auch nur schlecht zum Ausdruck bringen.

Tote Mädchen lügen nicht; Netflix

#1 Die ersten 11 Gründe

Natürlich weiß ich, was mir der Autor und die Macher von Buch und Serie damit sagen wollen: selbst kleinste Gesten oder dahin Gesagtes, hat man selbst vielleicht im nächsten Momenten vergessen, brennen sich beim Gegenüber aber unter Umständen für Jahre ein. Und verfolgen ihn.

Ich bin also definitiv der Meinung, dass wir viel mehr darauf achten sollten, wie wir miteinander umgehen. Dass wir uns darüber bewusst sein sollten, was für einen Einfluss ein einzig dummes Kommentar (sei es nun im realen Leben oder im Internet) auf ein anderes Leben haben kann.

Ich verstehe auch, dass Hannah nachdem sie bei Jessicas Vergewaltigung nicht eingegriffen hat, Schuldgefühle plagen.

Dennoch sind das für mich alles keine Gründe für einen Selbstmord.

Und nein, ich bin kein gefühlloser Eisklotz! Aber auch wenn es traurig ist und nicht so sein sollte, bin ich der festen Überzeugung, dass jeder in seinem Leben auf die ein oder andere Weise mit solchem Verhalten oder ähnlichen Vorfällen konfrontiert wird.

Für mich sind das Situationen, die nach Schreien, Wut, Tränen, sich dagegen Wehren und meinetwegen einer Ohrfeige verlangen. Keine Gründe für Selbstmord.

#2 Hannah’s eigenes Verhalten Clay gegenüber

Hannah wird übel mitgespielt; keine Frage. Dennoch steht sie bei weitem nicht ohne Freunde da. Clay wäre zum Beispiel so einer.

Weder ihm noch ihr kann man zum Vorwurf machen, dass letztlich kein Paar aus ihnen wird. Ihnen kommt das Leben in die Quere. Und ihre eigene Befangenheit… Wie es eben manchmal so läuft. Vor allem wenn man jung und sowieso unsicher ist.

Dennoch – und sieht man mal von all dem Herumgeeiere der beiden umeinander ab – macht sie es Clay selbst nicht gerade leicht. Ich mag ihr Auftreten Clay gegenüber, gerade während der ersten Folgen, nicht. Obwohl sie unter den Vorurteilen anderer und falschen Gerüchten zu leiden hat, zieht sie Clay selbst – indem sie ihn permanent „Helmchen“ ruft – ständig ins Lächerliche. Da sie Respekt gegenüber seiner „Andersartigkeit“ und wie wenig er sich um die allgemeine Meinung schert, zum Ausdruck bringt, zeugt das selbst nicht gerade von viel Einfühlungsvermögen für andere.

Sie verhält sich letztlich also oftmals nicht viel anders, als die von ihr so verhassten, beliebten Schüler.

#3 Hannah’s augenscheinlich gutes Verhältnis zu ihren Eltern

Vielleicht lehne ich mich an dieser Stelle etwas zu weit aus dem Fenster und erscheine gar respektlos, trotzdem wage ich zu behaupten, dass jemand mit dem selben Rückhalt im Elternhaus wie Hannah, mit diesen – bevor sie sich zu derart drastischen Maßnahmen wie einem Selbstmord entschließt – über ihre Probleme sprechen oder diese zumindest anklingen lassen würde.

An dieser Stelle muss man der Buchvorlage natürlich zu Gute halten, dass die Eltern darin keine große Rolle spielen und sie nur in der Serie so sehr beleuchtet werden; das also mehr Sache der Serienautoren als Problem der Vorlage ist.

Letztlich haben es Hannah’s Eltern ja auf keine der Kassetten geschafft, dennoch hat es mich gestört wie wenig ihr eigentlich schon vorbildliche Verhalten Hannah bei ihrem Vorhaben beeinflusst hat.
Obwohl Mr&Mrs Baker ihre (finanziellen) Schwierigkeiten haben, und so etwas bleibt nun mal im wahren Leben nicht aus, unterstützen sie ihre Tochter in allen Belangen. Sie bestehen darauf auf gar keinen Fall die Ersparnisse für ihr College anzubrechen und ihre Mutter bekräftigt sie sogar in ihrer Leidenschaft zu schreiben. Und macht ihr selbst, als Hannah diese als kindliche Träumerei abtut, Vorschläge für Berufe die sie in Betracht ziehen könnte. Sie betonen mehrmals, dass Hannah alle Türen offen stehen und sie sich frei entfalten darf/kann und unterstützen sie auch mit Dingen, wie dem neuen Auto, die jenseits ihrer Möglichkeiten liegen. Sie bringen selbst für solch doch recht kindische Wünsche, die nur ihren Status bei ihren Freunden verbessern sollen, Verständnis auf.

Ich bin mir sicher, dass sich viele nach solchen Eltern alle zehn Finger schlecken würden… Und umso liebevoller ihre Eltern dargestellt wurden, umso weniger habe ich verstanden, warum es Hannah nicht einmal in Betracht zog, mit ihnen – die sie bisher immer ermutigt und verständnisvoll reagiert haben –  sondern einem beliebigen Lehrer über die Vergewaltigung und den anderen Vorkommnissen zu reden.

Man mag nun einwerfen, dass sie ihren Eltern sicherlich nicht noch mehr (zur finanziellen Situation…) Sorgen bereiten wollte, dennoch empfinde ich diese Darstellung ihrer Eltern vor dem Hintergrund der Geschehnisse und des Buches als nicht passend.

#4 Mr Porter – warum ich die Darstellung seines Verhaltens gefährlich irreführend finde

Noch so ein Punkt, für den die Serie an sich nichts kann und der vielmehr der Geschichte an sich geschuldet ist. Wir brauchen gar nicht darüber zu diskutieren: wie Mr Porter auf Hannah’s Andeutungen der Vergewaltigung reagiert hat geht gar nicht. Und ich befürchte, dass es dort draußen wohl leider Gottes einige Frauen gibt, die dummerweise, als sie endlich den Mut gefunden haben sich zu öffnen und über das zu reden, was ihnen zugestoßen ist, an so ein Arschloch geraten sind. Auf gut Deutsch ist das scheiße und sollte in einer idealen Welt gar nicht erst vorkommen.

Hannah’s Reaktion darauf wundert mich also nicht sonderlich; es war quasi das Tüpfelchen auf dem i, dass das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Was mich daran stört, ist viel mehr, dass nicht nur sein Verhalten grausam ist, sondern auch falsche Fakten vermittelt werden. Ein Beratungslehrer ist nicht die Polizei. Seine Aufgabe ist es zuzuhören und entsprechende Schritte einzuleiten; nicht zu ermitteln. Um einzuschreiten benötigt er mitnichten den Namen des Täters! Seine Pflicht wäre es so oder so gewesen seine vorhandenen Informationen an die Polizei weiterzuleiten und der Sache auf den Grund zu gehen.

Davon abgesehen, dass allein sein Handeln schon jedes Opfer dort draußen vor den Fernsehbildschirmen abschrecken dürfte, mit den eigenen Erlebnisse offen umzugehen, finde ich seine Darstellung des Sachverhalts in diesen Szenen als gefährlich irreführend.

#5 Die ganze Sache an sich

Was mich allerdings am meisten an „Tote Mädchen lügen nicht“ stört, ist die Sache an sich. Hannah Baker nimmt Kassetten auf; richtet sie jeweils an jemanden dem sie eine Teilschuld an ihrem Suizid zuschreibt und was passiert? Einige haben Angst die Vorkommnisse kämen ans Tageslicht und versuchen diese zu vertuschen; beginnen aber dennoch zumindest über ihr Verhalten nachzudenken. Und andere? Bereuen zutiefst ihre Taten und erkennen ihre Schuld am Tode Hannahs.

Mal davon abgesehen, dass sie mit dem was sie getan hat selbst das Leben anderer nachhaltig beeinflusst bzw sogar zerstört (wir denken an Alex’s Selbstmordversuch oder das Bloßstellen von Tyler, dass auch noch nicht abzusehende Folgen hatte), man also darüber diskutieren kann wie viel „besser“ ihr Verhalten also im Vergleich zu den anderen wirklich ist, romantisieren ihre Kassetten ihren Selbstmord und die Nachwirkungen auf ihr Umfeld zu sehr.

Sie vermitteln meiner Meinung nach das Gefühl, dass man auch nach seinem Tod noch mit seinen Liebsten (oder Feinden…) kommunizieren kann und Menschen (selbst die, die dir etwas angetan haben) auf einmal verstehen werden, dass sie jemanden durch die Hölle haben gehen lassen. Und man auf diese Weise doch noch – und endlich – Verständnis und Gerechtigkeit erfahren wird.

Obwohl sie tot ist, ist sie für alle handelnden Personen noch immer ein essentieller Teil ihres Lebens und hat weiterhin großen Einfluss auf deren Alltag. Eine Schilderung, die ich gerade in Bezug auf ihre Peiniger, für zu naiv halte und ein für mich zu romantisches Bild von Selbstmord zeichnet.


Natürlich wird wohl allein das Schauen dieser Serie niemanden zum Selbstmord triggern, dennoch empfinde ich die überbordenden, positiven Kritiken Buch und Serie gegenüber als schwierig. Oftmals habe ich das Gefühl als würden sie die Handlung zu oberflächlich betrachten und sich stets nur auf das Offensichtliche berufen: wir alle sollten mir auf unsere Taten und unser Gesagtes achten. Auch Kleinigkeiten zählen.

Einer Aussage, der ich durchaus zustimme! Ich denke es schadet definitiv nicht „Tote Mädchen lügen nicht“ zu schauen (die Serie ist ja dank einiger Schauspieler auch wirklich sehenswert); sie spricht einige wichtige Dinge – respektvoll, ohne sie herunter zu spielen oder schönzufärben – an. Trotzdem kann ich mich nicht der großen Mehrheit anschließen und diese Geschichte einfach nur als großartiges Plädoyer gegen Mobbing sehen. Denn obwohl sie das und dessen Auswirkungen auf die Umwelt eingängig vermittelt, ist ihre Darstellung des Selbstmords für mich zu naiv.

Also ja, in gewisser Weise ist es ein tolles Buch/eine tolle Serie. Aber sie hat ihre Makel.