Vom auf dem Bodenschlafen und anderen Seltsamkeiten

Nach meinen ersten Posts über Japan mit all den Erwartungen und Klischees, habe ich festgestellt, dass sich einige das mit den traditionellen Unterkünften und dem auf dem Boden schlafen nicht wirklich vorstellen konnten.

Etwas, dass ich definitiv verstehe! Natürlich war uns das  schon im Vorfeld bekannt und ich hatte auch ein bisschen was darüber gelesen. In der Theorie wusste ich also, was uns erwartet. Aber es zu erleben ist noch einmal etwas ganz anderes.

Zunächst zu den Fakten:
Wir waren je eine Nacht in einer Tempelherberge (wie man sich angesichts der Bezeichnung schon denken kann: der kargsten Einrichtung. Quasi ein Kloster auf Japanisch), in Shiragawa-go (einem Dorf, dass seit kurzem zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und in dem man bei einer Familie im Haus übernachtet. Vorstellen kann man sich das ein wenig wie eine Nacht in einer  von einer Familie geführten Pension) und in einem Ryokan (einem gehobenen Hotel im japanischen Stil) untergebracht.

Shukubu – Tempelherberge am Koyasan

Schwierig empfand ich dabei übrigens nur die Nacht in der Tempelherberge. Zum einen, weil es unsere erste Nacht in einer japanischen Unterbringung war und man sich mit dem Thema Gemeinschaftsbäder jenseits der 14 und Schullandheimen erst mal wieder anfreunden muss. Da war ich allerdings nicht die Einzige, den anderen erging es ähnlich.

Zum anderen war es auch die Unterkunft, in der wir uns am wenigsten wohlgefühlt haben.

Das Prozedere ist zunächst schnell erklärt. Wie überall heißt es am Eingang auch hier: raus aus den Schuhen, rein in die schwitzigen Plastikschlappen in Einheitsgröße (Fußpilz lässt grüßen!). Für den Toiletten- und Badbereich gibt es noch mal eigene.

An sich eine gute Sache, gerade in den Toiletten hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Aber ansonsten war ich froh, dass man auch mit Socken (barfuß dagegen fand ich nicht so prickelnd… haben auch einige gemacht, aber das wollte ich nicht) rumlaufen durfte. Die Dinger waren mir einfach viel zu groß und ich bin ständig nur durch die Gegend gestolpert.

Da in Japan Service noch groß geschrieben wird, wird man anschließend in sein Zimmer begleitet. Hier heißt es wiederum auch: Schuhe aus vor dem Betreten des Zimmers.

Und dann erwartet einem halt.. tja. Japanische Schlichtheit? Reismatten (der Grund, warum man die Schuhe auszieht. Die Dinger sind nämlich nicht nur teuer, sondern auch empfindlich und müssen eh schon alle 3-6 Jahre ausgetauscht werden)…

Mit dem Fernseher können wir westlichen Besucher ja eher wenig anfangen (allerdings waren wir auch die einzige nicht-japanische Gruppe), also bleibt einem ansonsten nicht viel zu tun, als sich ein wenig umzuschauen. Die nächste Ortschaft liegt für für einen kurzen Besuch ein bisschen zu weit entfernt und da es sich immer noch um eine Tempelherberge handelt sind die Möglichkeiten beschränkt. Man trifft sich also vor den Toren der Herberge. Zum Rauchen. Oder eben, wie ich, nicht zum Rauchen, aber zum Lachen. Weil man noch nicht so ganz fassen kann, wohin es einen verschlagen hat.

(Übrigens werden die Tore um 22 Uhr dicht gemacht – Schullandheim lässt erneut grüßen! – und anschließend darf im Zimmer geraucht werden… was für eine Logik! Als würden die Reismatten nachts weniger leicht Feuer fangen.)

Punkt 19 Uhr gibt es für unsere Gruppe Abendessen. Im großen Saal. Natürlich traditionell, wie es sich gehört: auf dem Boden sitzend. Jeder mit einem kleinen Tischchen vor sich. Auf den Knien saß bei uns, wie es sich eigentlich gehören würde, allerdings keiner lange.

Und dann folgt, was folgen muss: ein veganes Abendessen.

Versteht mich nicht falsch, ich habe eine Freundin die vegan lebt und ich weiß durchaus, dass das auch schmecken kann. Tat es halt nur in diesem Fall eher weniger. Selbst die beiden Vegetarier der Gruppe streichen angesichts der kredenzten Komposition die Segel. Ich esse also: Reis.

Da hilft auch Sake nicht. Der schmeckt übrigens meiner Meinung nach wie alte Socken. Gut, man mag mir nun vorwerfen, dass ich eh nicht gerne Alkohol trinke und den Geschmack nicht zu schätzen weiß. Allerdings wussten auch die Alkohol mögenden der Gruppe nicht was daran gut sein soll (selbst der teure Sake kam nicht gut an).

(Übrigens nehmen es die Japaner sehr genau, was ihren Sake angeht. Da dieser oftmals auch erwärmt getrunken wird, haben Stammgäste quasi eine Lieblingstemperatur, die sich das Personal merkt und ihn entsprechend serviert. Was durchaus schwierig sein kann. Immerhin muss auch das Abkühlen beim Transport von der Küche in den Saal mit einbezogen werden.)

Anschließend herrscht Bettruhe. Während man beim Essen war, hat das Personal in den Zimmern die Futons ausgebreitet.

Man könnte noch Baden gehen (wie ich allerdings schon einmal angemerkt habe, war das für mich ja eher nichts), aber ansonsten… Ab ins Bett. So gegen 21 Uhr kehrt Ruhe ein.

Ruhe… Mehr oder weniger. Vorausgesetzt man findet auf seinem Futon Schlaf. Oder auf dem Kirschkernkissen. Da wirft man quasi abends mit Schmackes seinen Kopf drauf und wacht am nächsten Tag in der selben Kuhle auf, in der man eingeschlafen ist.

Ich dachte immer diese Dinger wären bequem. Aber in einem Kloster darf man darauf wohl nicht hoffen.

Und am nächsten Morgen ist man dann wiederum froh, dass man so früh ins Bett geschickt wurde. Denn Dank Ermangelung jeglicher Vorhänge erwacht man gemeinsam mit den ersten Vögelchen und startet frisch und munter (oder so) zum Frühstück.

Das wiederum schwer zu ertragen ist. Man hat es uns zig Mal gesagt, aber das half einfach nichts. Miso-Suppe mag noch so sehr als Delikatesse gelten und noch so gesund sein. Sie stinkt einfach bestialisch. Und ist somit mehr, als ich morgens ertragen kann. Es gab also wieder: Reis.

Ein Mitreisender (übrigens der selbe, der den Spruch mit der Atombombe gebracht hat… Regelmäßige Leser wissen Bescheid) hat das schön auf den Punkt gebracht: „Heute Abend gibt es dann aber schon wieder Fleisch, oder?

Wie anfangs erwähnt, war dies aber die seltsamste und mit Abstand die unbequemste Nacht.

Minshuku – Shirakawa-go

Ein paar Tage später, ging es in das Dorf Shirakawa-go. Die Unterbringung dort war ähnlich einfach und unsere Gruppe musste sich sogar auf mehrere Häuser verteilen, aber trotz der Tatsache, dass man dort nach 18 Uhr nicht mal mehr einen Getränkeautomaten vorfand (Was in Japan wirklich erstaunlich ist. Die stehen sogar auf dem Gipfel des Fuji.) und es kaum Straßenbeleuchtung gab, war unsere Nacht dort einfach zauberhaft. So kitschig sich das anhört, anders kann man es nicht ausdrücken.

Ich meine, wie sonst sollte man ein Dorf beschreiben, dass aussieht wie ein japanisches Mittelerde?

Und obwohl das Essen wieder einmal traditionell japanisch war und ich wirklich schwierig bin, was das Essen angeht, war es dort richtig gut. Wir, die wir dort im Wohnzimmer der Familie saßen, während im Fernsehen verrückte japanische Sendungen liefen (die unter anderem daraus bestanden, dass hyperaktive Kinder um einen alten Mann, dem alles egal zu sein schien, auf einer Parkbank herumtanzten) und mal wieder vor unserem Essen knien mussten, waren selbst ganz erstaunt.

Nur die Sache mit dem Rauchen in Japan verstehe ich einfach nicht. In Shirakawa-go ist das Rauchen auf den Straßen größtenteils verboten (es gibt nur ein, zwei Raucherstationen), da die traditionellen Häuser aus Holz und Stroh natürlich sehr schnell Feuer fangen können. Aber warum man dann im Haus selbst rauchen darf (noch dazu direkt neben dem Klo und Waschbecken…)? Ist mir ein riesiges Rätsel.

Und immerhin habe ich in dieser Nacht festgestellt: es gibt auch durchaus Futons auf denen man bequem schlafen kann und nicht jeden Knochen und den Boden spürt.

Japan Fuji

Ryokan – Am Fuße des Fuji

Unsere letzte typisch japanische Nacht war auch die angenehmste (und witzigste). Mal vom Stil der Einrichtung her abgesehen, merkt man in einem guten Ryokan kaum einen Unterschied zu normalen Hotels. Wir hatten ein eigenes Bad (sogar mit Badewanne) und auch wenn man mit Futons auf dem Boden schlief, fühlten die sich schon beinahe wie Matratzen an. Auch hier herrscht striktes Schuhe ausziehen, auch hier gab es ein Onsen und Essen um 19 Uhr. Aber da wir die einzigen Gäste im ganzen Haus waren, versammelte sich ein Grüppchen im Hof zum lustigsten Abend der Reise, mit dem wir quasi das gesamte Ryokan unterhalten haben.

Mit der Grund, warum aus dieser Unterkunft quasi keinerlei Fotos (abgesehen vom Fuji, den man vom Frühstückssaal aus sehen konnte) existieren.

Und am nächsten Morgen gab es dann auch endlich mal: keinen Reis. Sondern westliches Frühstück.


Übrigens, für alle die sich fragen: Das waren wirklich die einzigen drei Nächte in japanischen Unterkünften. Ansonsten haben wir in ganz normalen Hotels geschlafen. Was angesichts der Temperaturen und dort vorhandener Klimaanlage auch wahrlich eine Wohltat war.

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  1. Jasmin

    18. April 2016 um 13:41 Uhr

    Liebe Christine,
    wow, was für ein toller Bericht :-) Ich musste auch hin und wieder mal schmunzeln ;-) Die Fotos sind echt toll und mit den Fotos machst du mir jetzt noch mehr Lust dieses Land zu bereisen. Meine Eltern haben mit mir als ich noch ein Kind war sehr viele kulturelle Reisen unternommen und dabei sind wir auch so auf die eine und andere Ungewohnheit gestoßen :-D Auf der einen Seite finde ich diese kulturellen Reisen einfach top, weil sie einen einfach innerlich wachsen lassen. Auf der anderen Seite sind sie natürlich auch oft mehr anstrengend als entspannend.
    Aber gut, dass du uns bzgl. der japanischen Klöster vorwarnst ;-) hehe.
    Ich denke, ich hätte auch nur Reis gegessen. Bin sehr penibel was das Essen angeht und wenn es mir nicht schmeckt, dann kann mich keiner und nichts dazu überreden :-D
    Jetzt bin ich aber schon auf deine weiteren Posts gespannt ;-)
    Viele liebe Grüße
    Jasmin

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  2. Ela

    16. Dezember 2015 um 9:35 Uhr

    Oje, Schullandheim Feeling. Da bin ich glaube ich auch schon rausgewachsen. Aber das Gute an solchen Erlebnissen ist, man hat nachher irgendwie ganz tolle Geschichten zu erzählen. Das mit dem Essen wäre vermutlich bei mir auch sehr schwierig. Allein wenn ich jetzt an Misosuppe denke, beiße ich schnell lieber wieder in mein Croissant ;)
    Liebe Grüße Ela

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  3. Lexi

    14. Dezember 2015 um 4:07 Uhr

    Es ist total spannend Reiseberichte zu lesen, ich könnte über deine Erlebnisse in Japan pausenlos lesen und es würde mir nicht langweilig werden. Japan steht auf meiner Wishlist auch ganz oben. Ich kann mir gut vorstellen dass sich viele Situationen merkwürdig anfühlen, ein Gemeinschaftsbad würde ich auch nicht so genießen. Obwohl ich viel Wellness mache. Aber eine Erfahrung ist es immer wert. :D

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  4. Jasmin

    13. Dezember 2015 um 20:34 Uhr

    Wow das klingt alles total spannend und aufregend! Würde ich auch so gern mal machen :) mit auf dem Boden schlafen & essen hab ich überhaupt kein Problem, musst ich bei meiner Mutti in Thailand auch und fands cool. Fühl mich in Deutschland ja immer bisschen assi wenn ich aufm Boden vorm Fernseher ess :D aber gut, mach ich ja auch nur daheim. Beim Essen bin ich ja wie du vielleicht weißt auch sehr unkompliziert :D auch wenns manchmal wieder rauskommt, vorher hats meistens geschmeckt xD (wie sich das anhört ey, lol). Finde es jedenfalls sehr cool von dir das du die Erfahrung gemacht hast, wie so oft im Leben, weiß man erst obs einem gefällt wenn mans mals ausprobiert hat!

    Liebe Grüße und super lieb von dir das du deiner Mam jedes Jahr einen Adventskalender machst! Da wäre ich irgendwie zu faul & unkreativ dafür :D

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