Ein Iraner im Urlaub | #2


Sommer 2021 / Apulien

Wie ich euch auch schon in Teil 1 meiner kleinen „Was nicht alles schief gehen kann“-Geschichte unseres alljährlichen Familienurlaubes erzählt habe, hatte wir letzten Sommer einiges an Pech mit unseren Unterkünften… Das war für den Freund (den Iraner) meiner Schwester – der sich das erste Mal mit uns auf großer Fahrt befand – gleich der perfekte Einstieg in unsere Familienabenteuer.
Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, wir befanden uns gerade in einer Phase des Glücks mit unseren Unterkünften. Bis, tja bis…

Bis wir am südlichsten Ende des Stiefelabsatzes Italiens und somit am vorläufigen Endpunkt unserer Apulientour angekommen waren: ein Stückchen südlich von Gallipoli wollten wir für eine Woche eine kleine „Villa“ (so nannte sie sich zumindest) beziehen. 

Vorab kann ich nur sagen, dass wir vor allem auf Grund unserer Erwartungen so enttäuscht davon waren. Wir hatten die „Villa“ aus dem Gefühl heraus gebucht uns richtig etwas gönnen zu wollen. Die Fotos sahen zwar schlicht, aber schön und weitläufig aus. Tolle Terrasse, ein kleiner Pool, ausreichend große Zimmer… das volle Verwöhnprogramm und genau das, was wir für unsere Woche Entspannung wollten eben.

Leider stand schon die Anfahrt unter keinem guten Omen. Die angegebene Adresse wollte erst das Navi, dann Google Maps nicht finden. Erst nach einigem Hin und Her und vielen Tipps vom Vermieter fanden wir viel später, als geplant endlich die Unterkunft. An der wir tatsächlich auch schon zwei Mal vorbei gefahren waren, wie sich herausstellte. Was wohl nicht zu letzt an den Fotos und der Beschreibung lag. Von „am Strand“ und freistehendem Häuschen war die Straße nämlich mehr als weit entfernt.
Letztlich bekam unsere Euphorie also schon beim ersten Schritt in die Unterkunft (oder Einfahrt…) einen Dämpfer. Es war dann doch alles recht geschickt fotografiert, die Räumlichkeiten waren auch etwas sehr eng für fünf erwachsene Personen und ihre Koffer…

Ein Zimmer wurde uns gar nicht erst aufgesperrt und auch die Einrichtung wirkte recht… heruntergekommen (fiel teilweise sogar auseinander).
Und natürlich konnte der Herr in mittlerem Alter auch nicht genügend Englisch, um uns mehr zu erklären, als das Infoblatt mit dem Kalender für die Müllabfuhr. Aber ehe wir ausreichend angekommen waren, also bevor uns all das auch wirklich auffallen konnte, war der Vermieter auch schon wieder weg. Gut, der hatte nach unserer kleinen Odyssee auch recht lange auf uns warten müssen; dachten wir uns zunächst.
Doch recht schnell wurde uns klar, dass hinter diesem Verhalten vielleicht mehr Masche, als Ungeduld steckte.

Die Mängelliste wurde sehr schnell sehr lang. Es war dreckig (so viel zur „erweiterten Reinigung“, die auf Airbnb angepriesen worden war). Die Grundausstattung wie Spülmittel, Salz und Pfeffer, Toilettenpapier etc. fehlte und das WLAN sowieso. Dafür hatte der Mann sogar eine Erklärung: Netzausfall im ganzen Viertel. Gut, kann passieren (wir sind ja selbst von zu Hause her einiges gewöhnt, was die Internetverbindung angeht), aber warum der Herr nicht mal ein irgendein Gerät fürs Internet in seiner „Villa“ hatte (obwohl neben WLAN, sogar LAN hätte verfügbar sein sollen), bei dem wir wenigstens hin und wieder mal ein Blick auf nett blinkende Lichter hätten werfen können, konnte er uns nicht erklären. Dafür konnte er dann wiederum nicht genügend Englisch; ihr versteht schon.

Das Bild von der Luxusvilla löste sich also recht schnell in Luft auf. Aber nun gut, davon wollten wir uns natürlich nicht die gute Laune vermiesen lassen und letztlich konnten wir uns ja mit allem behelfen.

Dennoch blieb ein fader Beigeschmack.

Spätestens als ich den Nachbarn beim Blumengießen erwischen konnte, wussten wir auch, dass das mit dem Netzausfall schlicht gelogen war. Schon da wurde uns bewusst, dass wir dem Herrn wohl ganz schön auf dem Leim gegangen waren…

Aber noch immer galt: mit all dem hätten wir ja – bei aller Enttäuschung – leben können. 

Aber ich würde diese Zeilen wohl kaum schreiben, wenn es abseits von einigen falschen Versprechungen, nicht noch so richtig lustig geworden wäre.

Wohl gemerkt, die Unterkunft wurde laut Inserat für zehn Leute vermietet; wir waren fünf. Zehn Leute verbrauchen mitunter in der heutigen Zeit einiges an Energie. Akkus und Handys wollen geladen werden, es macht auch mal jemand die Zimmerbeleuchtung an und ja, bei 37° läuft auch die Klimaanlage hin und wieder. Und manch einer will Duschen… Und zehn Leute verbrauchen sicherlich auch wesentlich mehr Energie, als fünf. Und nur noch mal zur Erinnerung: wir waren fünf. Die Hälfte der maximal angegebenen Gästezahl…

Nun gut, das Duschen, Akkoladen und Benutzen der Klimaanlage – kann man alles wollen. Nur möglich war es leider nicht. Zumindest nicht annähernd gleichzeitig. Denn wenn jemand Duschen wollte und die Klimaanlage lief, durfte man nicht gleichzeitig einen Lichtschalter betätigen. Oder gar ein Handy laden wollen! Denn dann flog die Sicherung. 

Und wo der Sicherungskasten lag (offensichtlich befand er sich nicht im Haus) hatte der Vermieter – in seiner vorgeschobenen Hektik – leider vergessen uns mitzuteilen. Und über das hübsche – natürlich italienische! – Infoblatt zur Müllabholung hinaus, gab es auch keine weiteren Informationen im Haus. 

Dumm nur, wenn so etwas mit der Sicherung gleich am ersten Abend so gegen 23 Uhr passiert und man natürlich erst mal hoffen muss, dass man den Vermieter überhaupt noch erreichen kann. 

Noch dümmer, wenn man das nicht wenigstens in Ruhe machen kann. Weil der Stromausfall und der Mangel an Informationen leider dazu geführt hat, dass jemand aus Versehen nicht am Sicherungskasten rumgespielt, sondern die Alarmanlage ausgelöst hat. Und man in Mitten von lautem Geheul und Stroboskopgewitter – dass selbst auf der Terrasse und mit zugehaltenen Ohren kaum zu ertragen war – im gleichen Atemzug hektisch versucht jemanden zu erreichen, die Alarmanlage abzustellen und nach irgendeinem Hinweis für das eine oder das andere sucht. Im Dunklen. Mit Handytaschenlampen… (Haha, ein Glück, dass wir noch Akku hatten…)

Alle 60 Sekunden schenkte man uns eine Atempause. Während der die Alarmanlage piepsenden einen zehnsekündigen Countdown bis zur nächsten Sirenenattacke herunter zählte… Es war wie in einem schlechten Film!

Zum Glück antwortete uns der Vermieter trotz der fortgeschrittenen Stunde – und nach so einigen Alarmzyklen, die wir durchstehen mussten – doch noch und teile uns sowohl den Code zum Abstellen des Alarms, als auch den Standort des Sicherungskastens (draußen auf der Straße) mit. 



Letzteres war übrigens ein Weg, an den wir uns im Laufe der nächsten Tage, noch gewöhnten. Wir gingen ihn so einige Male, manchmal mehrmals an einem Abend.

Und was wir nun auch wussten: unser Haus lag zwar in Mitten eines Wohngebietes, aber für den Alarm interessierte sich dennoch niemand. Nicht mal die Nachbarn. Entweder kannten die Nachbarn die Nummer mit den dummen Touristen, die sich von hübschen Fotos auf Airbnb hatten täuschen lassen, schon oder es war wirklich jedem egal. Und ich bin mir nicht mehr ganz sicher, was ich schlimmer finde…

Überhören hatte man den Alarm zumindest nicht können. 

Ach und noch etwas, lernten wir an diesem Abend: das eine, blinkende Ding, war mit Nichten der WLAN-Router, wie uns der Vermieter nach einigen Nachfragen versichert hatte. Aber daran hatte auch keiner von uns so wirklich geglaubt. Es war die Alarmanlage…

(Diese Internetsache hatte ein wirklich ungutes Timing; man hätte es ja durchaus als Chance auf Digital Detox und als Chance mal runterkommen, das Handy öfter mal auf die Seite zu legen etc.pp ansehen können. Aber natürlich wollte der Iraner auch im Urlaub und gerade hinsichtlich der damals so angespannten Lage in Afghanistan und der Familie dort, Kontakt mit der Familie halten. Und leider war das Netz selbst im Ort nicht ganz so gut und Internet wirklich nötig gewesen). 

Alles in allem entschlossen wir uns schon nach 1 1/2 Tagen Beschwerde einzulegen. So witzig das mit dem Stromausfall und der Alarmanlage im Nachhinein auch war, hätte das ja auch echt nervig werden können (mal angenommen, wir hätten den Vermieter nicht erreicht…?). Und man muss auch ganz ehrlich sagen: dafür, dass wir uns so richtig was gönnen wollten, haben wir auch einiges gezahlt. Und nur wenig bekommen…

Was wir angesichts der mangelnden Sauberkeit (wie war das noch mal mit der „erweiterten Reinigung“?), all den fehlenden Dingen (die Grundausstattung war das eine, aber es ist schon eine Frechheit im Inserat auch so Dinge wie Shampoo, Wasserkocher, Kaffeemaschine, Reinigungsprodukte, Föhn usw. aufzulisten, wenn einfach rein gar nichts davon vorhanden ist – geschweige denn war es angesichts des ständig ausfallenden Stroms, möglich regelmäßig die Waschmaschine anzuwerfen. Was bei genau abgezählter Anzahl an Handtüchern halt schon praktisch gewesen wäre) und einigen schon fast witzigen, angeblich vorhandenen Dingen (Kamin? Arbeitsplatz?) einfach nicht eingesehen haben. 

Umso mehr, als wir feststellen mussten, dass der Herr offensichtlich das Inserat unter verschiedenen Namen und mit jeweils leicht veränderterer Bildanordnung sogar mehrmals online geschalten hatte…

Legt man Beschwerde ein und verlangt eine Rückzahlung des Mietpreises, ermöglicht Airbnb dem Vermieter fairerweise zunächst während des Aufenthalts Verbesserungsversuche zu unternehmen (mal ehrlich, es wäre ja schon ein Zeichen der Versöhnlichkeit gewesen, hätte er ein kleines Grundpaket an Küchenutensilien vorbei gebracht). Aber anstatt sich um Zufriedenheit zu bemühen, ist natürlich nichts gesehen und der Herr hinterließ uns nach unserer Abreise lieber eine sehr unverschämte Bewertung.
Am Ende hatte er mit seinem Verhalten allerdings keine Chance. Wir haben die Gegebenheiten vor Ort auf Fotos und Videos festgehalten und letztlich über die Schlichtungsstelle von Airbnb sogar mehr Geld zurück erhalten, als wir gefordert hatten.

(Ich kann euch für so einen Fall wirklich nur empfehlen alles genau mit Fotos zu dokumentieren und euch schon frühzeitig – am besten noch während eures Aufenthaltes – bei der Platform zu beschweren). 

Mittlerweile wurden das Inserat bzw. auch der Nutzer gelöscht. Und unser Profil ist wieder frei von unverschämten Bewertungen. 


Sieht man mal davon ab, dass wir einige Male wirklich sehr spät ins Bett kamen (und am nächsten Tag wieder früh raus mussten), diese Sache mit den Unterkünften uns fortan durchaus stresste (wenn ein Vermieter mal nicht zeitnah auf unsere voraussichtliche Ankunftszeit reagierte, waren wir schon wiederum leicht panisch…), die Männer ein paar Mal Hunger leiden mussten und zu spät eher maues Essen bekamen – hieß es letztlich doch immer: Ende gut, alles gut. Wir hatten ja dennoch immer eine Menge Spaß und haben definitiv so einige Geschichten für die Familienchronik gesammelt!

Eine Frage bleibt nun dennoch offen: wird es der Iraner es jemals wagen, einen zweiten Urlaub mit uns anzutreten?

PS: Wenn wir schon bei Urlaubs-Fehlschlägen sind: ich habe es in all meinen Jahren auf dieser Erde erfolgreich geschafft Bienen- oder Wespenstichen aus dem Weg zu gehen. Bis ich die Fotos von meiner Schwester, die ihr ganz am Anfang und am Ende des Artikels seht, gemacht habe. Da stand ich also im Feld, bei Sonnenuntergang, war ganz auf’s Foto konzentriert und auf einmal merke ich einen sehr unangenehmen Schmerz und Brennen an den Beinen… da haben mich doch gleich vier Wespen erwischt! Beinahe gleichzeitig. Da war ich dann doch froh, dass der Weg zurück zur Unterkunft nicht lang war und ich die Stiche schnell kühlen konnte.


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  1. Vanessa

    1. Oktober 2022 um 17:41 Uhr

    Liebe Christine,
    natürlich ist kein Foto eigentlich so viele Wespenstiche wert, aber die sind ehrlich bezaubernd schön…ich kann mit Stolz verkünden, keinen einzigen Bremsenstich bekommen zu haben, das ist immer mein Credo für den Sommer, denn die entzünden sich bei mir sooo dermaßen schlimm, dass die Stelle richtig heiß und dick wird.
    Aaaber zurück zu Teil II eurer Odysee – wow! Da habt ihr echt alles mitgenommen…krass. Sowas hatte ich zum Glück noch nicht, aber ich habe auch erst einmal auf AirBnB etwas gemietet…meist gehe ich über Booking.com. Und deine Story trägt nicht gerade dazu bei, dass zu ändern, andererseits höre ich auch viel Gutes….und Pech kann man immer mal haben. Das eine Mal bei AirBnB lief bei mir auch super :)
    Aber das ist definitiv eine Story!
    Liebe Grüße!

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  2. Wow das klingt ja wirklich sehr furchtbar! Da lobe ich mir dann profesionelle Hotels…

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  3. S.Mirli

    12. September 2022 um 11:07 Uhr

    Erstmal so viel: die Wespenstiche waren es doch wert, bei DEN Fotos – zumindest kannst du dir so die nächsten mindestens fünf Weihnachtsgeschenke sparen, die müssen eindeutig mit dem Shooting mit Spätfolgen abgegolten sein ;-) Ich liebe ehrlich deine ganz „banalen“ Urlaubs- oder Alltagsberichte, die im Grunde dann nie banal sind, sondern mich immer zum Schmunzeln bringen. Ich habe nicht sehr viel Airbnb Erfahrung und ich fürchte fast, das wird auch so bleiben, wenn ich mir das durchlese. Was ich definitiv kenne, sind Unterkünfte, zu denen kein Navi jemals finden würde. Und meist reist man ja doch an, wenn es dunkel ist … wir zumindest auf Roadtrips. Danke fürs Teilen und ich bin mir maximal sicher, der Iraner wird es wieder mir euch wagen, schon wegen der guten Unterhaltung, alles Liebe, x S.Mirli
    https://www.mirlime.at

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  4. Ach Mensch, der Urlaub war ja von Pleiten, Pech und Pannen geprägt. Wie gut, dass Du den Humor dabei nicht verloren hast. Von Erholung kann man in dem Fall wohl kaum sprechen.

    Den schönen Fotos sieht man die Wespenstiche nicht an. Ich weiß, wie schmerzhaft die sein können.

    Liebe Grüße
    Sabine

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  5. Hallo Christine, die Bilder sind wieder so wunderschön. Ich mag die Farbgebung total gerne. Aber was ein Erlebnis!

    Zeilentänzerin

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