Der Iraner feiert Weihnachten – eine Weihnachtsgeschichte zwischen Lichterketten und Fremdenhass

Letztes Jahr um diese Zeit und an dieser Stelle, habe ich von meinem Papa erzählt. Von meinem Papa, seiner Advents-und-Weihnachts-von-Ehemann-Bahn und der von ihr ausgelösten Ehekrise.

Die Ehe meiner Eltern hat die Krise nach einigen Diskussionen zum Thema Überraschungen und den dadurch verursachten Dreck zum Glück überlebt. Und weil man Fehler ja besser nur ein Mal begeht, zeigte sich mein Papa lernfähig. „Christines Advents Kurbelrad“ hat – da mein Papa den ersten, weitaus größeren, bombastischen, raumeinnehmenden Entwurf gleich wieder umgebaut hatte – in diesem Jahr nun auch für die erwünschte Belustigung gesorgt.

Mama ist glücklich über so wenig Dreck, Papa ist glücklich und freut sich, dass er nicht wieder eine Krise verursacht hat, Kinder sind wegen all dem glücklich, mein Opa ist glücklich, weil er immerhin noch den Christbaum für’s Grab und den Friedhof im Wald stehlen darf und Oma ist glücklich, dass er die Freude hat, aber dennoch im Wohnzimmer mittlerweile ein ansehnlicher Baum steht.

Das Advents Kurbelrad

Alle sind glücklich. Alles ist friedlich. Und so gäbe es an dieser Stelle eigentlich nicht mehr allzu viel zu erzählen. Aber dann dachte ich mir, ich schlage in diesem Jahr den Bogen zu demjenigen, der überhaupt erst den Bastel-Konkurrenzkampf verursacht hatte: dem Iraner.

Eine kleine Anmerkung gleich zu Beginn: die Bezeichnung „Iraner“ ist keinesfalls abwertend, rassistisch oder sonst auf irgendeine Weise verletzend gemeint. Aber erstens müssen wir ihn hier an dieser Stelle ja irgendwie nennen und zweitens ist das mittlerweile auch familienintern sein Spitzname geworden.

Ein Iraner kommt nach Deutschland und begegnet Weihnachtsdeko…

So als Moslem, der bisher in seinem Leben noch nicht mit Weihnachten in Berührung gekommen ist, ist das deutsche Weihnachtsfest generell eine ungewöhnliche Erfahrung; gemeinsam mit meiner Schwester wird sie aber noch einmal zu einer ganz anderen Form des Kulturschocks. Nicht umsonst verfahre ich beim alljährlichen Adventskranz-Machen für meine Schwester nach der Regel: mehr ist mehr.

Neben Christbaum, Adventskalendern und Tannengirlanden (die unechten, mit Glitzer-Sternen dran), hat sie auch mehrere Meter Lichterketten montiert. Den Lichtschalter? Den braucht sie eigentlich gar nicht. Wenn sie will, wird es allein durch all die Lichterketten im Raum taghell…
Umso mehr es glitzert und blinkt, umso glücklicher ist meine Schwester. Und die Lichterketten, die könnten tatsächlich Disko-mäßig blinken… das macht dann allerdings selbst meine Schwester leicht nervös.

Der Iraner? Der passt sich eben an. Wie an alles eben. An die Berufsschule, deutsche Fliesenleger, die StVO und Bayerisch. Aber auch an die Idiotie der Behörden, unfaire Gesetzgebung, Diskriminierung und Ausländerhass.

Impressionen der Weihnachtsdeko im Hause meiner Schwester

Der junge Mann, der seine Heimat und seine Familie niemals verlassen hätte und „nur“ wegen einer lebensnotwendigen Operation, die im Iran so weder bezahl- noch machbar gewesen wäre, gezwungen war zu gehen, bekommt hier – geht er mit meiner Schwester Hand in Hand durch die Straßen – dumme Sprüche hinterher gerufen .

„Arbeitet man im Iran so?“

Fragte ein dummer Lehrer

Der Iraner, der seinem Klassenkameraden in der Berufsschule, als sich der Lehrer nicht mehr bücken mag/kann, heimlich zu einer besseren Note verhilft, indem er einen Finger unter die Wasserwaage schiebt, musste um diese Ausbildung erst mal einen langen, langen, unsinnigen Kampf mit deutschen Ämtern führen. Einen, der für einen Ausländer ohne Hilfe – und nur mit wesentlich mehr Hilfe, als es der durchschnittliche Sozialarbeiter überhaupt zu leisten vermag – niemals zu schaffen gewesen wäre. Und als Belohnung bekommt er nun die absolute Hirnrissigkeit deutscher Lehrbücher (und einiger Lehrer) zu spüren. Hört Sprüche wie: „Arbeitet man im Iran so?“, wenn die Schüler nach Plan Fliesen verlegen sollen und dort 2cm breite Fugen vorgesehen sind. Und bekommt auf den entsprechenden Hinweis auf den Plan zur Antwort: „Dann ignorier eben den Plan.“ Was natürlich absolut logisches Verhalten wäre…

Dabei erscheint es mir oft, als wäre der Iraner der einzige Mann mit Arbeitsmoral in seinem Betrieb. Arbeitet man im Iran nichts, gibt es halt nichts zu Essen. So einfach ist das. Und manchmal gibt es auch nichts, wenn man gearbeitet hat… Regierung, Inflation und Wirtschaftskrise sei Dank.  
Während die anderen Mitarbeiter auf der Baustelle gerne mal trödeln und tratschen, sorgt der Iraner mit einem ganzen – anstatt halben – angemachten Kübel Fliesenkleber mal für etwas Feuer unterm Hintern seiner Kollegen.

Der Iraner kann toll kochen (gibt mir die Hühnchenstücke, die ich auch mit Messer und Gabel essen kann), verträgt Alkohol genauso wenig wie ich (nach einer Tasse Glühwein sind wir uns einig: wir schwanken), hat keine seltsamen Ansichten über Frauen (wie übrigens die meisten andern im Iran auch nicht – so viel zu den Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen), will arbeiten (lernen mag er weniger, aber wer möchte das schon in anderer Sprache/Schrift?) und kann immerhin schon mal Servus sagen (aka: versucht sein bestes Bayerisch zu verstehen – da kommt er in meiner Familie aber auch nicht drum herum). Also natürlich kann er mehr als „Servus“ sagen, aber Deutsch und Bayerisch sind erstens – gerade für jemandem aus dem Ausland (und ja manchmal sogar für Deutsche) – zwei Paar Stiefel und zweitens liegt sein gutes Deutsch mit Sicherheit nicht an dem tollen Deutschunterricht, den er in der Schule genießen durfte…
Ach ja, und seit gestern hat er endlich den Führerschein! Was etwas gedauert hat; nicht etwa wegen der mangelnden Praxiserfahrung (zumindest dieses Klischee stimmt nämlich: im Iran schert sich kein Schwein um eine Fahrschule), sondern auf Grund der Theorieprüfung. Die ist nämlich in allen nur erdenklichen Sprachen (selbst Arabisch!) verfügbar – und es ist in Deutschland auch möglich sie in diesen abzulegen – nur eben nicht auf Persisch…

Rundum: als Freund meiner Schwester gibt es an ihm nichts auszusetzen und er ist bei uns absolut willkommen.

Bei uns – das sind in diesem Fall wir anderen drei; die Kernfamilie.
Denn bis auf die Straße muss er leider nicht gehen, um Fremdenfeindlichkeit zu erleben.

Der Eine, die Andere und die Dazwischen

Der Eine mag keine Ausländer. Man mag es ihm mit seinem Alter und als Teil einer komplett anderen Generation (die noch Angst vorm „Russen, der durch’s Fenster schaut“ eingeredet bekam) verzeihen, aber dennoch lebt er in der aberwitzigen Sorge, das Haus an eine Horde Iraner zu verlieren, die im Garten dann seine Schafe schlachten (das mit den Schafen ist übertrieben, das mit dem Haus leider nicht). Dass dafür zwar zunächst er, seine Frau und meine Mama versterben müssten, bevor meine Schwester oder ich auch nur einen vagen Anspruch auf jenes Haus hätten, spielt dabei keine Rolle.
Aber auch die Andere – bei weitem noch nicht so gesetzten Alters, aber nicht weniger engstirnig – zieht den reichen Osteuropäer, der sich ins Ausland absetzt und mehrere Firmen um zehntausende Euros prellt, dem ehrlichen Geschäftsmann mit dunkler Hautfarbe vor.
Und die Dazwischen? Die, die zwischen den Stühlen sitzt, will mit niemandem Streit. Und betritt daher, weiß sie, dass der Iraner mit meiner Schwester zu Besuch ist, das Haus nicht mehr. Nicht zu Geburtstagen, nicht zu andern Anlässen – eben generell nicht mehr, wenn die Gefahr bestünde dem Flüchtling zu begegnen.

Das ist alles sehr schade. Denn ich denke gerade der Eine, der selbst sein Leben lang Handwerker war, würde einen anständigen Kerl, der arbeiten und anpacken kann, mögen.

Zum Glück ist der Rest der Familie wesentlich aufgeschlossener.
Und dennoch ist es traurig. Diese Sache hat die Familie nicht wirklich entzweit, nein, das nicht. Denn Weltoffen ist man oder ist es eben nicht; daran ändert alles Streiten nichts. Und manchmal ist es den Zwist nicht wert, denn manch grundsätzliche Weltanschauung lässt sich nicht so leicht ändern. Erst recht nicht erzwungen.
Und dann bleibt einem nichts anderes übrig, als gewisse Dinge nicht anzusprechen und andere totzuschweigen. Erkaufter Frieden quasi.


Und der Iraner? Tja, da liegt er nun. Mit dem echt bayerischen – extra mit dem Auto aus Bayern nach Baden-Württemberg gefahrenen – Weißbier (im geschenkten Weißbierglas… der Verkäufer hatte derart Mitleid mit meiner sich nicht mit Bier auskennenden Mama, dass er ihr – als sie endlich mit WEIßBIER an der Kasse stand – gleich noch die Gläser dazu gab), neben dem weniger echten Christbaum und Kaminfeuer, kennt bereits unseren traditionellen Muss-Weihnachtsfilm (der übrigens „Schöne Bescherung“ ist und den er nur mit: „Den musste ich doch schon letztes Jahr schauen“, kommentiert hat) trägt einen Last-Christmas-Musikvideo-Gedächtnis-Norweger Pullover und feiert Weihnachten.

Das nenne ich mal gelebte Integration!

Mein Jahr war ein wahres Auf und Ab von allem. Ein kleiner, dummer Unfall und eine ausgewachsene Krise. Und die wurde zwar besser, aber halt auch nicht so richtig. Bis wir dann im Urlaub waren (der ja auch erst mal damit begann, dass dieses schreckliche Koffer-Lufthansa-Drama dafür sorgte, dass wir nur mit dem am Leib, was man an einem heißen Sommertag in Deutschland so trägt, auf den verregneten Färöer Inseln standen) und ich endlich die Oberhand über meine Gesundheit gewann (nach beinahe drei Jahren andauernden, nicht enden wollenden Problemen). Danach lief es endlich. Neue, talentierte Leute kennen gelernt, tolle Shootings und Erlebnisse gehabt. Ich sitze nun hier, genieße die letzten Tage vor Weihnachten und kann voller Vorfreude sagen: ich freue mich auf das neue Jahr und alles was kommt!

Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Hier nicht, nirgends, aber erst Recht nicht in vielen anderen Teilen der Welt. Und gerade während wir hier in Überfluss und Frieden Weihnachten feiern, sollten wir uns daran erinnern, dass wir zwar leider nicht all die Probleme der Welt lösen, aber immerhin menschlich sein können und Fremdenhass im 21. Jahrhundert wirklich keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft haben darf.

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

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  1. Danke für diese Weihnachtsgeschichte.
    Traurig, aber auch positiv.
    Traurig, weil die Menschen nicht dazulernen möchten, positiv, weil der junge Mann trotzdem seinen Weg gehen wird. Weil er nicht aufgibt … und weil er euch hat!

    Vielleicht ist es ein Urinstinkt, Angst vor Fremden zu haben. In den vergangenen Jahrhunderten oder Jahrtausenden bedeuteten Fremde immer Ausbeutung, Raub, Tod.
    Dieser Fremdenhass oder die Angst vor dem Fremden ist weltweit zu finden, das ist keineswegs eine rein deutsche Eigenschaft. Genauso wie Fremdenhass gibt es aber auch in allen Ländern Freundschaft und Akzeptanz.
    Am Mittwochabend kam ein Film über „die Unsichtbaren“. Juden, die während des Krieges in Berlin lebten und überlebten. Eine dieser Frauen sagte sinngemäß, das sie die Deutschen nicht hasse, denn ohne die vielen deutschen Helfer (die ihr eigenes Leben gefährdeten) hätte sie nicht überleben können.
    Ich hoffe, das dem jungen Mann mindestens genausoviel gezeigtes Wohlwollen entgegengebracht wird, wie er vermeintliche Ablehnung erfährt.
    Und vielleicht ist es gar nicht so falsch gedacht, das Dinge, die er als Zurückweisung erlebt, hier ganz normal sind und mit Zurückweisung gar nichts zu tun haben. Da muß man sich vielleicht mal mit den Kulturen näher befassen.
    Ich bin übrigens sicher, das sich auch die Einstellung der anderen über die Jahre ändern wird und die Familie wieder mehr zusammenwächst. Da muß man geduldig sein.
    Ein gutes 2019 euch allen!

    Antworten
    1. Christine

      31. Januar 2019 um 12:00 Uhr

      Vielen lieben Dank für deine lieben Worte!
      Gerade da dieser Post auch einiges an unangenehmen Kommentaren und Nachrichten mit sich gebracht hat, haben wir uns umso mehr über jeden positiven Post gefreut. ;)

      Ja, ich denke das ist ein Problem, dass es in jeder Kultur und zu jeder Zeit in irgendeiner Form gegeben hat, dennoch ist es traurig zu erleben, wie wenig sich daran ändert. Nach wie vor wird allem was anderes ist mit Ablehnung begegnet. Dabei wäre Neugierde doch viel schöner. ;) Gerade in unserer heutigen Zeit der Globalisierung sollten Hautfarbe und Herkunft keine große Rolle mehr spielen.

      Vielen Dank für deine Wünsche!

      Antworten