Über Fototerroristen

Fo|to|ter|ror|ist, der; -en (Mensch mit Kamera, der angesichts eines potentiellen Motivs, jeglichen Anstand vergisst und Gefahren und die Zerstörung von Natur billigend in Kauf nimmt)


Fototerrorist. Diesem Ausdruck bin ich das erste Mal während meiner Zeit auf Island begegnet. Einer der Einheimischen bezeichnete damit all diejenigen Touristen, die beim Anblick bestimmter – auf Grund von Instagram berühmt gewordener Motive – ihre Manieren vergessen und jegliche Gefahr ausblenden, nur um genau dieses eine Foto zu bekommen. Sie halten an engen Straßen, an unübersichtlichen Stellen oder hinter Kurven und scheren sich einen feuchten Kehricht, um die Natur, die sie dabei in Mitleidenschaft ziehen.

Dass sie dabei unter Umständen andere Reisende gefährden und man auf Island wirklich überall lesen kann, dass man nach Möglichkeit auf den ausgeschrieben Pfaden verbleiben soll (da der Natur auf der Insel nur ein paar kurze Sommermonate für die Regeneration zur Verfügung stehen), ist ihnen dabei ziemlich egal.

Ich habe das nie verstanden. Versteht mich nicht falsch; ich bin Fotografin. Natürlich schlägt auch mein Herz beim Anblick der isländischen (oder irgendeiner anderen) Landschaft höher. Auch ich habe schon mal eigentümliche Wege eingeschlagen, bin recht seltsam herum geklettert (es gab da diese recht amüsanten Episode mit der nicht vorhandenen Eiskapelle am Watzmann…) und natürlich nutze auch ich jede Gelegenheit für ein schönes Foto.

Dennoch erschließt es sich mir nicht, warum man selbst in einem Land, dass es einem sogar erlaubt über Lavafelder zu klettern, nicht die paar wenigen Regeln und Einschränkungen akzeptieren und – wenn es eben sein muss – auf den wenigen eingezäunten Wegen bleiben kann. Warum man nun an so vielen Orten Verbotsschilder für Drohnen findet (da diese oft die Vögel bzw. die ansässige Tierwelt im Allgemeinen verstören) und dennoch immer wieder auf Touristen stößt, die das ignorieren. Wieso Menschen Absperrungen und jegliche Gefahr außer Acht lassen und sich an Klippen und am Abgrund (berühmtes Stichwort: Taft Point im Yosemite Nationalpark) positionieren. Und so weiter und so fort. 

Ja, ich will auch ein schönes Foto. Und ja, ich war auch schon an vielen dieser berühmten Aussichtspunkte, die man schon so oft auf Fotos gesehen hat. Aber wenn wir uns alle wie Fototerroristen verhalten, gibt es bald keinen Grund mehr dafür, diese Punkte anzusteuern. Weil wir nicht mehr als zertretene Pflanzen und über die Pfade hinaus ausgetretene Wege vorfinden werden…

EINES ABENDS IN VERNAZZA…

Als wir Cinque Terre besuchten, wollte ich natürlich auch den ein oder anderen berühmten Aussichtspunkt über die Örtchen besuchen. Immerhin waren es genau diese Fotos, die ich schon vor Jahren gesehen hatte und in mir erst den Wunsch weckten, dem Nationalpark einen Besuch abzustatten.

An den vorherigen Abenden hatte ich ja bereits so einiges an Stativen, wuchtigen Objektiven und teueren Kameras gesehen. Meistens Männer, die sich schon gefühlt Stunden vor dem eigentlichen Sonnenuntergang positioniert und aufgebaut hatten (bei einem Pärchen, holte sie quasi sofort ein Buch heraus und machte es sich auf einer Bank bequem…). Das Übliche eben; das mit dem man zu rechnen hat.

Cinque Terre; Vernazza; Italien

Aber als wir an einem Abend – auf dem Wanderweg Richtung Monterosso al Mare – die Aussicht auf Vernazza genießen wollten, bekamen wir eine Show geliefert, die wir so auch noch nicht erlebt hatten.

Wohlweislich und angesichts des Abgrunds, hatte man an diesem Punkt wohl schon vor Jahren eine massive Absperrung aus Holz angebracht und diese auch noch zusätzlich mit Maschendrahtzaun gesichert. Offensichtlich kürzlich angebrachtes Absperrband ließ allerdings vermuten, dass selbst der auf die Dauer die Touristen nicht davon abhielt, unter dem Zaun hindurch zu schlüpfen und für ein Foto ganz an die Klippe heran zu rücken.

Aber echte, asiatische Fototerroristen lasse sich natürlich auch davon nicht aufhalten!

Ehe wir uns versahen, hatten die drei Asiaten nicht nur die Absperrung überwunden – dabei mal eben die Anzahl der „Blätter“ eines Kaktus dezimiert – sondern auch allesamt ihre Stative und Kameras in Position gebracht. Und in den anschließenden 1 1/2 Stunden verteidigten sie diesen Platz hartnäckig!

Die Vehemenz, mit der sie das taten, war schon fast bewundernswert! Wer auch kam (natürlich verhinderten sie mit ihrer Anwesenheit, dass man auch vom gesicherten Weg aus einen schönen Blick über die Stadt hatte und davon ein Foto machen konnte), wurde zwar gewaltlos, aber durch plötzliches Breitmachen an genau jener vom anderen Touristen auserwählen Stelle, verdrängt. Niemand kam an den Asiaten vorbei…
Und während das zu Beobachten ja noch irgendwie ganz lustig war, zeigte sich schnell wie gefährlich das doch für die anderen Fotografen wurde. Denn während die von den Asiaten ausgewählte Stelle – wenn auch gefährlich nah am Abgrund – noch offensichtlich Halt bot, verdrängten sie die anderen Fototerroristen ins Gebüsch. Das so dicht war, dass es einem als Zuschauer angesichts des so nicht sichtbaren Gefälles ganz anders wurde. Ein falscher, unbedachter Schritt und schon wäre das Unglück geschehen…

Und nachdem jedem Fotografen nach kurzer Zeit klar wurde, dass man auch bei all dem Gestrüpp vor der Linse kein vernünftiges Foto zu Stande bringen kann, begannen die Ersten (gefolgt – wie sollte es anders sein – von einigen anderen) weiter den Weg entlang ihr Glück zu suchen. Und sie landeten… in einem Weingarten!
Dass da ein weiterer Zaun war, das Grundstück jemandem gehört, der sein Geld mit dem Anbau von Wein verdient und ein paar Meter entfernt ein Schild dazu aufruft, das Eigentum der Weinbauern zu respektieren und die Felder nicht zu betreten? Das war denen herzlich egal. Hauptsache das Foto stimmt.

Wenn ein Dummer damit anfängt, folgen in der Regel viele weitere.
Und angesichts dieses Verhaltens, wundert es mich auch überhaupt nicht mehr, wenn wir (Touristen) bei Einheimischen mittlerweile als Fototerroristen gelten…

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  1. Yasmina

    25. November 2018 um 20:09 Uhr

    Ich hatte bisher auch nie große Ausbeuten beim Black Friday, eher so Kleinkram. Vor 2 Jahren dann die PS4 total günstig geholt, das war mein größter Black Friday Deal :D Das is es nämlich, man muss echt Glück haben, klar gibt es vieles was günstig und sicher gut is, aber oft braucht man es dann doch nicht.
    Das glaube ich gerne, dass man da auch über Agenturen an eher suspekte Hobbyfotografen kommt. Wie du sagst sie können anfangs noch gut drüber weg täuschen.
    Die Handys heutzutage sind auch nicht mehr darauf ausgelegt sonderlich lange zu halten, sondern eher kürzer, damit man sich ja wieder ein Neues holt, schlimm. Da lob ich mir doch die alten Handys, mein 1. hatte ich 4-5 Jahre xD

    Ein wirklich guter und interessanter Post, kannte den Begriff auch schon.
    Manchen Menschen reicht eben nicht das was sie bekommen und sie wollen immer mehr und das auf Kosten anderer oder der Natur. Ich werde auch nie verstehen wie Leute sich freihändig auf hohe Gebäude stellen und sowas, wenn die runter fallen haben ja nicht nur die ein großes Problem, sondern auch diejenigen die das alles zu sehen bekommen.
    Und bei der Natur sollte man definitiv auch drauf achten Rücksicht zu nehmen, aber das is bei manchen eben Fehl am Platze.
    Oh man deine Geschichte von Vernazza klingt ja auch echt wieder so typisch nach Menschheit, schlimm.

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  2. Héloise

    25. November 2018 um 19:34 Uhr

    Den Begriff kannte ich jetzt noch nicht! Ich wäre auch im Leben nicht auf die Idee gekommen, für ein Foto Absperrungen zu überwinden oder Ähnliches, schon allein aus Angst um abstürzende Klippenränder. Aber viele Menschen kennen da wohl echt gar nichts =/
    Love, Héloise
    Et Omnia Vanitas

    Antworten
  3. Rena

    24. November 2018 um 22:01 Uhr

    Das finde ich sehr arg, wenn Leute so völlig ohne Rücksicht und Gefühl fotografieren und dabei auch noch sämtlichen Anstand mit Füßen treten und sich selbst und auch andere in Gefahr bringen. Den Ausdruck Fototerroristen kannte ich zwar noch nicht, aber er beschreibt genau dieses Verhalten absolut.
    http://www.dressedwithsoul.com

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  4. krissisophie

    24. November 2018 um 16:41 Uhr

    Wow, das ist echt krass… Über Absperrungen/Zäune klettern, um „das perfekte Foto“ zu bekommen und sich und andere dabei in (lebens-)Gefahr zu bringen, fremdes Eigentum, Pflanzen etc. zu zerstören ist wirklich abartig. Ich mache auch viel für ein tolles Foto, aber manches geht einfach zu weit.

    Ganz liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende,
    Krissi von the marquise diamond
    https://www.themarquisediamond.de/

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  5. Sara

    24. November 2018 um 16:38 Uhr

    Das ist ja richtig krass, einige nehmen wirklich viel in Kauf für das perfekte Foto. Das Wort Fototerroristen passt perfekt :-D Asiaten machen ja wirklich überall Bilder.

    Okay :) Ist doch aber auch schön, wenn die Essie oder Essence treu bleibst :)
    Das stimmt, es gibt wirklich süße Sachen die man fürs Kind machen kann.

    Ich bin echt mal gespannt, wie das später so ist, wenn mein Kleiner in die Schule kommt. Muss da bestimmt auch mal die Hände über dem Kopf zusammen schlagen xD

    Alles Liebe <33

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  6. Guten Morgen, ja, für das perfekte Motiv gehen manche wahre Risiken ein. Mich nervt es übrigens auch, wenn ständig irgendwo geknipst wird. Auf der anderen Seite sammle ich auch gern Eindrücke auf Fotos, aber ich denke, ich gehe damit niemanden auf die Nerven. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. Liebe Grüße Jana

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  7. Jasmin

    24. November 2018 um 3:25 Uhr

    Ohje das klingt echt grauenhaft! Habe ich zum Glück noch nicht so krass erlebt aber dieses Instagram Hotspots abklammern find ich eh fraglich! Wenn jeder dann das gleiche Foto hat, weiß auch nicht, irgendwie langweilig?! Außer man ist natürlich sehr Kreativ… aber naja sehe das bei den ganzen Rajasthan Fotos und dacht mir so: äh ne, dahin will ich erstmal nicht!

    Liebe Grüße aus Indien,
    Jasmin

    Antworten
  8. Oh ja, das kenn ich zuuuu gut… Ich war neulich auf der Aussichtsplattform am Rheinfall, so was hab ich noch nicht erlebt, da wurde geschupst, gepöbelt und geflucht, alles nur wegen diesem einen Eck ganz oben und ganz vorne… Schrecklich. Ich hab dann kein Foto gemacht und bin wieder nach unten gegangen… Irgendwo gibt es Grenzen. Schade eigentlich, aber halt leider Fakt… Naja, immerhin gibt es noch Menschen denen das auch nicht passt und die darüber sogar einen Beitrag verfassen ;-) Chapeau!!

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  9. Simone

    23. November 2018 um 20:27 Uhr

    Die Ansammlung von Menschen kann ich mir gerade bildlich vorstellen. Ich bin auch der Meinung, man sollte die Absperrung akzeptieren oder resp. im Allgemeinen die Kultur, Flora und Fauna. Die meisten Leute überlegen sich nicht, was für Konsequenzen es hat, wenn einer mit der Drohne zu nahe an den Vögel fliegt oder irgendwo auf eine schöne Blume tritt. Man sollte ein Nein- oder Stopschild respektieren. Liebste Grüsse

    xx Simone
    Little Glittery Box

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  10. nossy

    23. November 2018 um 19:39 Uhr

    Unmöglich! Sowas geht ja mal gaaaar nicht!
    Ich bekomme bei solchen Erlebnissen immer so eine Wut im Bauch! Wie kann man nur so rücksichtslos sein? Ich habe auch schon oft viel zu waghalsige Aktionen von (Hobby-) Fotografen beobachtet, aber dein Erlebnis sprengt noch mal meine Erfahrungen.

    Ich verstehe so etwas nicht. Wirklich nicht. Und wofür das alles? Für ein Bild, für dessen Aufbau und Konzept diese Leute wahrscheinlich noch nicht mal einen Sinn haben. Da riskieren sie ihr eigenes Leben, das Leben anderer (die mutwillig verdrängt werden), beschädigen und zerstören fremdes Eigentum, unsere Natur und vergessen einfach jeglichen Anstand… hirnlose Dummbratzen. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

    Unglaublich…

    Und das Wort Fototerroristen ist ein wirklich passendes Wort. Das merke ich mir.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
    nossy

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  11. Liebe Christine, es schon schockierend, wie sich manche Menschen nach dem Motto „Hier komme ich!“ über alle Regeln hinwegsetzen und nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Ja und dadurch vielleicht sich selbst und auch andere in Gefahr bringen. Solchem rücksichtlosen Verhalten ist es auch zu verdanken, wenn Touristen in bestimmen Gegenden immer unbeliebter werden. In Hallstatt fühlen sich die Einheimischen durch die vielen Besucher bereits in ihrer Privatsphäre bedrängt. Ein bisschen Einfühlungsvermögen sollten wir als Touristen doch mitbringen – wir sind doch die Gäste, die den „Hausherren“ mit Respekt begegnen sollten. Dank für diesen interessanten Beitrag.
    Genieße das Wochenende und alles Liebe

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  12. Jennifer

    23. November 2018 um 17:18 Uhr

    Oh man, über sowas kann ich einfach nur den Kopf Schütteln und finde das sowas von respektos. Das die Menschen ihr eigenes Leben riskieren ist schlimm genug, aber dann auch noch die Umwelt und Tierwelt mit ihrem Wahn zerstören, das geht einfach gar nicht. Ist nicht jetzt im Sommer erst ein Pärchen in Lissabon verunglückt wegen einem Selfie an einer Klippe. Das kann es doch nicht wert sein. LG Jennifer von https://fashionistasfairytale.blogspot.de/

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  13. miriamkaulbarsch

    23. November 2018 um 12:45 Uhr

    Das hat mich auch richtig bei den Cliffs of Moher genervt… 3.000 Schilder, dass man nicht über die extra betonierten Wände steigen soll, um die Klippe zu schützen und Lebensgefahr, aber 30m weiter wo das Gebiet vom Touricentrum aufhört, stapeln sich alle an den Klippen. Dumm dumm dumm. Oder Menschen die in Kirchen blitzen, wenn 30 Schilder mit Text und Piktogrammen darauf aufmerksam machen keinen bekloppten Blitz zu benutzen -.-

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  14. Hui, ich habe mich vorher mit diesem Thema noch gar nicht so befasst, aber jetzt, wo du es aufgreifst wird mir bewusst, dass ich solche Fototerroristen schon des Öfteren gesehen habe.
    Liebe Grüße an dich!

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  15. Janine

    23. November 2018 um 9:55 Uhr

    Liebe Christine,
    Hach ja die Asiaten sind irgendwie extrem, wenn es um Bilder geht.. Ich habe so grinsen müssen als ich in Luzern war, wo sie mit den Selfiesticks in Gruppen herumschwirrten ;)
    Ich selbst bin da das Gegenteil ich fotografiere selten – auch wenn ich es oft bereue, etwas nicht fotografiert zu haben. Ich will den Augenblick in real geniessen.. Aber wenn ich so toll fotografieren könnte wie Du, wäre ich da auch anders!
    Liebe Grüsse
    Janine von https://www.vivarubia.com/

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